Der blockierte Muskel – oder die Idee zu einer neuen Therapie

Als ich wieder einmal nach dem Aufstehen noch ein wenig steif die Treppe hinunter ging, kam mir plötzlich der Verdacht, irgendetwas stimme nicht mit unserer bisherigen Theorie. Schmerzen hatte ich immer wieder im linken Hüftgelenk, nicht vorhersehbar, aber eher nach längerem Sitzen oder Immobilität. Das Röntgenbild hatte schon längst eine Arthrose ausgemacht und das passte auch ganz gut in die Familienanamnese. Klar war auch, die ganze linke Seite vom unteren Rücken an über die äußere Beckenmuskulatur und die Oberschenkel waren viel zu verspannt und steif. Die üblichen Lösungsversuche mit Muskelmassage, Fasziendehnung und Aktivierung von Triggerpunkten brachte immer nur kurzfristige Erleichterung. So ist das im Prinzip bei jeder Arthrose und Verspannung. Was also sollen Sie tun? Erst einmal nur hingucken! Fangen Sie bei sich selbst an (vor einem Ganzkörperspiegel) und beobachten Sie dann andere Personen.

Was lässt die äußere Haltung erkennen?

Von außen kann jeder die Haltung eines Menschen leicht und ziemlich gut beurteilen, auch von weitem und in voller Kleidung. Wer genau hinschaut, sieht bei mir folgendes: Mein linker Fuß zeigt beim normalen Stand ein wenig weiter nach außen als der rechte. Die Schulterebene ist schräg. Die linke Schulter steht ein wenig tiefer. Entsprechend sind bei locker herabhängenden Armen die Fingerspitzen der linken Hand weiter unten als die der rechten. Der Kopf ist auch ein wenig zur linken Seite gekippt. Kurz, das gesamte Bild von vorne zeigt, dass die linke Seite ein wenig wie eine Banane gekrümmt ist. Also sind entsprechend der Lehre einige oder mehrere Belastungsstraßen auf dieser Seite verkürzt.

Sie sind nicht alleine

Vielleicht kommt Ihnen ja jetzt der Gedanke, so sehen ja eigentlich alle Leute aus. Da haben Sie auch recht. Die Politiker, die Sie wählen, haben fast alle auf ihren Plakaten den Kopf schräg gestellt. Das heißt, die Halsmuskeln sind auf einer Seite verkürzt und verkrampft, auf der anderen Seite überdehnt und überspannt. (Hoffentlich können sie trotzdem die Welt aus ausgeglichenen Blickwinkeln sehen). Wie ist das bei Nachrichtensprechern und Talkshow-Gästen? Tatsächlich sind alle betroffen. Die jungen Leute werden allerdings noch keine Beschwerden haben.

Woher kommen die Schmerzen? 

«Ziemlich klar», werden Sie sagen. «Der Prozess ist folgender: Die Verspannung belastet die Gelenke. Diese reagieren mit Entzündung und Abnutzung. Das wiederum führt zu Schmerzen und weiteren Verspannungen. Ein normaler Regelkreis, der sich nur schwer vermeiden lässt.» Dafür bietet sich als endgültige Lösung an, die Gelenke zu verändern, am besten, indem man sie austauscht. Offensichtlich gelingt es nicht, die muskulären und faszialen Probleme anders in den Griff zu bekommen. Und das ist eine absolute Fehleinschätzung.

Der Test 

Doch zurück zur Treppe, die ich gerade schnell hinunter gehen wollte. Es ging einfach nicht. Irgendwas hat gebremst. Das linke Bein brauchte einfach seine Zeit. Und zwar fast doppelt so lange wie das rechte. Nach dem Einknicken des Knies und vor Aufsetzen des anderen Fußes fing der linke Oberschenkel an zu stottern. Nur ruckartig erreichte der rechte Fuß die nächste Treppenstufe. Der rechte Oberschenkel dagegen hatte damit keine Schwierigkeiten. Bei dem ging es sofort. Naja, der linke Oberschenkel und natürlich auch das ganze linke Bein sind ja auch schwächer, lahmgelegt und schon seit längerer Zeit auch geschont, würde man meinen. Aber stimmt das wirklich? Gibt es ein stärkeres und ein schwächeres Bein?

Die verwirrende Beobachtung

Beide Beine haben bei mir in etwa die gleiche Form. Ein auffälliger Muskelschwund ist nicht zu erkennen. Beim Abtasten der Muskulatur gibt es auch keinen Unterschied. Vielleicht ist in der einen oder anderen Situation die Muskulatur des linken Oberschenkels ein wenig ausgeprägter und ein wenig härter. Nun werden die einzelnen Muskelgruppen auf ihre Kraft hin untersucht. Und jetzt das Erstaunliche. Sowohl die Muskeln am Oberschenkel wie auch am Unterschenkel des linken Beines sind dort deutlich kräftiger und können eine größere Leistung beim Drücken in die Gegenrichtung erbringen. Beim rechten Bein sind die Muskeln des Oberschenkels, aber vor allen Dingen die des Unterschenkels, deutlich schwächer.

Der überraschende Funktionstest

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Wie sieht es mit der Funktion aus? Prüfen wir einmal die komplexe Fähigkeit, auf einem Bein mit durchgedrücktem Knie zu stehen. Überraschenderweise gelingt dies beim linken Bein länger und besser. Bei dem Teil mit den beschädigten Gelenken? Das ist  auf den ersten Blick verwunderlich. Wie kann das sein? Bei Belastungen in Bewegung treppabwärts war doch das linke Bein schwächer und unsicherer. Und jetzt, beim ruhigen Stehen, ist es genau umgekehrt? Und noch ein Rätsel: Wenn ich die Treppe wieder hinaufsteige, ist das Phänomen der ungleichen Belastungen nicht mehr zu spüren. Beide Beine funktionieren in etwa gleich. Das alles verlangt nach einer Erklärung.

Die zwingend neue Erkenntnis

  • Es gibt offensichtlich ein komplexes System, das außerhalb und unabhängig vom Zentralen Nervensystem agiert. Es ist Teil des unbewussten, nicht vom Willen beeinflussbaren, autonomen automatischen Nervensystems.

  • Es gibt ein System innerhalb der faszialen Belastungsstrassen, das Informationen bewegt und beurteilt. Es steht praktisch mit jeder einzelnen Zelle des Körpers in Verbindung. Es reagiert schneller als über die verschiedenen Möglichkeiten der Nervenleitung.

  • Muskeln, welche dieselbe Funktion haben oder eine ähnliche, schalten sich in Aktionen ein, auch wenn sie nicht zur selben Belastungsstrasse gehören (Agonisten).

  • Muskeln, welche die entgegengesetzte Funktion haben oder ähnliche, schalten sich in Aktionen ein, auch wenn sie nicht zur selben Belastungsstrasse gehören (Antagonisten).

  • Da die meisten Probleme und Schmerzen von einer ungleichen Verteilung der Kräfte im Körper ausgehen, die im Gravitationsfeld der Erde zu einer permanenten Schwerpunktverschiebung führen, ist die “unausgeglichene Waagschale“, also die gegenüber liegende, völlig symptomlos erscheinende Seite des Körpers ebenso betroffen. Also muss diese Seite unbedingt beachtet und mitbehandelt werden.

Worauf kommt es an?

  1. Die verantwortlichen Systeme zu identifizieren und die Funktion der einzelnen beteiligten Muskeln herauszufinden.

  2. Die Reihenfolge der Behandlung zu bestimmen.

  3. Die richtige Behandlung der einzelnen Muskeln festzulegen (Stärkung, Aufbau, Dehnung, Verlängerung).

  4. Die Umgebung der vernachlässigten, verkümmerten Zone zu aktivieren (Nerven sensibilisieren, Durchblutung fördern).

  5. Die entsprechenden Trainingsprogramme auszuarbeiten und zu kontrollieren.

Jeder, der sich auf den Bereich stürzt, wo die Schmerzen sind, liegt falsch

Alle anderen therapeutischen Herangehensweisen und Verfahren zeigen täglich ihre Schwächen, da sie nicht in der Lage sind, eine substantielle Verbesserung auf die Dauer zu erreichen. Hier werden eindeutig nur Symptome behandelt, die irgendwann wiederkehren müssen (das wird ja auch von den meisten Therapeuten zugegeben). Vor der generellen zunehmenden Versteifung können diese Therapieformen unsere Gesellschaft nicht bewahren. Dabei wäre das Ziel, mit leichten Einschränkungen im Alter genauso beweglich zu sein wie in der Jugend.

Andere Kulturen haben die Lösung schon gefunden

An den Übungsformen all jener Gesellschaften, die uns vormachen können, wie es geht, im Alter locker und elastisch zu bleiben (Schattenboxen, Tai Chi), ist eines auffällig. Es sind überwiegen langsame Bewegungen, die den Körperschwerpunkt verändern, und es geht immer in jedem Moment darum, das Gleichgewicht zu finden und zu bewahren, außen wie innen.

Wie kommt es zu dieser unauffälligen, uns nicht bewussten Verschiebung unseres Körpers? 

Welche Muskeln sind daran beteiligt und warum funktioniert das?

  • In Notsituationen werden durch einen autonomen, automatischen, unbewussten Reflex, der nicht willentlich beeinflusst werden kann, sofort alle notwendigen Muskeln im gesamten Körper eingesetzt, um eine sichere Schwerkraftpositionen zu finden. (Ausrutschen auf glatten Boden)

  • Wenn die Schwerkraftverlagerungen langsam (über Jahre) vonstatten geht (sitzende Position, einseitige Arbeitshaltung, Verletzungen), merkt der Körper das nicht und kann entsprechend auch nicht reagieren, um das immer stärker werdende Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen.

  • Die so genannte Bremsmuskulatur, die Tag und Nacht das Gleichgewicht zu Stande bringen muss, kann logischerweise und nach den Gesetzen der Mechanik nur auf der entgegengesetzten Seite des Körpers sein (wenn die linke Seite Schmerzen hat, ist sie auf der rechten Seite zu suchen). Daher ist diese Behandlung auch logischerweise in vielen Fällen von Fuß bis Kopf durchzuführen.

  • Diese Muskulatur ist unauffällig, zeigt keinerlei Reaktion nach außen, ist dauernd in mehr oder minder leichter Aktion, verspannt sich, verkürzt und verliert mehr und mehr die ihr eigentlich zugedachte funktionelle Aufgabe auf ihrer Aktionsseite. Nach aussen bleibt sie stumm, fällt nicht auf und wird auch vorerst nicht beachtet.

  • Erst, wenn die Bremsmuskulatur diese Aufgabe nicht mehr leisten kann, können wir eine Reaktion von den ursprünglichen Aktionsmuskeln erwarten. Deren Einstellungen gehorcht nicht mehr zuverlässig den eigenen physiologischen Gesetzen. Hier stimmt jetzt fast gar nichts mehr, die angesteuerten Muskeln, die nicht mehr optimalen Arbeitswinkel, die nicht mehr planmäßig aktivierten Myofibrillen und auch deren nötige Spannung. Das äußert sich irgendwann in Spannungsschmerz oder gar Krämpfen von Faszien und Muskeln. Hier spüren wir den Schmerz.

  • Die Folge: die von dieser Bahn betroffenen Gelenke können nicht mehr optimal in ihrer zentralen Position gehalten werden. Die Rotationsschwerpunkte der Gelenkköpfe werden exzentrisch und beschädigen das Knorpelgewebe einseitig, immer weiter an derselben Stelle. Die Gelenke werden als Folge zur Schonung noch weniger bewegt. Damit ist die Versorgung der Knorpelschichten nicht mehr gewährleistet, die auf die Umflutung des Gelenkwassers angewiesen sind. Ein Circulus Vitiosus.

 

 

 

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